Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz
Stellungnahme zum Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz
1 Baumschulen in Deutschland
Die deutsche Baumschulwirtschaft erzielt auf einer Fläche von 17.160 Hektar mit 29.000 Arbeitskräften im Jahr einen Jahresumsatz in Höhe von 1,3 Mrd. €; etwa 20 % des Jahresumsatzes geht in den Export. Dabei werden in 1.536 überwiegend klein- und mittelständischen Betrieben über 30.000 unterschiedliche Gehölzarten und –sorten produziert, die zur Biodiversität beitragen. Der Bund deutscher Baumschulen (BdB) e.V. vertritt etwa 900 Baumschulbetriebe. Erhöhte Auflagen führen zu einem für Kleinbetriebe kaum noch leistbaren Bürokratieaufwand, was zu einem Strukturwandel zu größeren Betriebseinheiten und somit zu einer Verarmung des Sortiments führt. Im Gegensatz zu anderen landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Kulturen dauert die Produktion von Gehölzen vier bis über zehn Jahre bis zur verkaufsfertigen Ware, und dies nahezu ausnahmslos im Freiland. Im Zuge des Klimawandels werden Gehölze künftig einen entscheidenden Beitrag zur Abfederung massiver Klimaereignisse wie Hitze und Starkregen leisten.
2 Stellungnahme
1 Schutz intakter Moore und Wiedervernässungen
1.2 Bund-Länder-Zielvereinbarung zum Klimaschutz durch Moorbodenschutz umsetzen und Programm Klimaschutz durch Moorbodenschutz auflegen
Durch Anhebung von Wasserständen werden bisher etablierte Kulturverfahren nicht mehr möglich. Die Umwidmung der Flächen wird die Flächenkonkurrenz erhöhen und somit die noch verbliebenen Flächen verteuern und die wiedervernässten Flächen auf Grund geringer zu erwartender Erträge im Werte fallen lassen. Dies wird in der Bewertung durch Banken zu Anpassungen nach unten führen und die Betriebe mit bereits beliehene Flächen in den wirtschaftlichen Ruin treiben. Hier erwarten wir Vorschläge für die Kompensation.
Durch die Umwidmung von Flächen sowie der Herausnahme von Flächen aus der Produktion werden immer weniger Flächen zur Produktion von Gehölzen zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite steigt der Bedarf an Gehölzen zur Begrünung in den Städten (siehe Kapitel 7 Natürlicher Klimaschutz auf Siedlungs- und Verkehrsflächen) und zur Aufpflanzung neu zu schaffender Waldflächen (siehe Kapitel 5 Waldökosysteme).
Noch ist die deutsche Baumschulwirtschaft in der Lage, den Bedarf zu decken. Diesen Zielkonflikt – steigender Bedarf an Gehölzen bei geringer zur Verfügung stehender Fläche – gilt es gemeinsam zu lösen.
Als nachhaltige Nutzungsformen kommen Paludi-Kulturen, Rohrkolben, Miscanthus und Rohrschilfgras in Frage. Die Kultivierung ist bisher kaum erforscht. Hier sind vorab eine Wirtschaftlichkeitsanalyse, eine Bedarfsanalyse sowie eine Vorlage von Kultur-/Produktionsverfahren notwendig.
Ebenso muss vorab die Technik der Wiedervernässung näher beschrieben werden. Es dürfen benachbarte Flächen nicht beeinflusst werden, damit auf diesen verbliebenen Flächen auch weiterhin die bisher vorhandene Kulturform möglich bleibt.
2 Naturnaher Wasserhaushalt mit lebendigen Flüssen, Seen und Auen
2.1 Nachhaltiger und naturnaher Landschaftswasserhaushalt
Bei der Entwicklung von Aus- und Weiterbildungsangeboten für die Bereiche Land- und Forstwirtschaft, Gemüseanbau und Gartenbau müssen die bisher etablierten Bildungseinrichtungen sowie die bisherigen Bildungsangebote als Grundlage gelten. Bei der Entwicklung der Aus- und Bildungsangebote müssen fachliche Grundlagen maßgebend sein und die jeweiligen beruflichen Fachgruppen mit eingebunden werden.
Jahrelange Expertise darf nicht verloren gehen.
Im Baumschulbereich sind folgende Einrichtungen mit fachlicher Expertise zu benennen:
- Die Pflanzenschutzdienste der jeweiligen Bundesländer
- Die Landwirtschaftskammern der jeweiligen Bundesländer
- Die Berufsfachschulen
- Die von den Baumschulbetrieben privat finanzierten Versuchs- und Beratungsringe
5 Waldökosysteme
5.1 Biodiversitätsfördernde Mehrung der Waldfläche
Bei der Erstaufforstung naturnaher Wälder von jährlich 10.000 Hektar wird um rechtzeitige Einbindung der Forstbaumschulen gebeten, um rechtzeitig den Bedarf abzustimmen. So können rechtzeitig das gewünschte Saatgut beschafft und die für die Erstaufforstung benötigten Sämlinge produziert werden.
6 Böden als Kohlenstoffspeicher
6.1Erhalt und Neuanlage von Strukturelementen und Flächen insbesondere der Agrarlandschaften mit einer positiven Klima- und Biodiversitätswirkung gezielt fördern
Die Anlage von Feldgehölzen, Hecken, Baumreihen und Streuobstwiesen ist zu begrüßen. Staatliche Förderprogramme sollten die Möglichkeit vorsehen, Anzuchtverträge mit Gehölzproduzenten einzugehen, um den Bedarf zeitgerecht decken zu können. Dort, wo gebietseigene Pflanzen gefragt sind, besteht immer noch in weiten Teilen Deutschlands der Bedarf, Erntegebiete auszuweisen und Saatgut bereitzustellen. In Deutschland ist aufgrund wirtschaftlicher Veränderungen (Betriebsaufgaben bei Saatgut-Beschaffern) ohnehin ein Engpass an Saatgut vorhanden. In Bezug auf gebietseigene Gehölze ist die Situation noch prekärer. Hier muss dringend ein konstruktiver Dialog von Staat und Wirtschaft geführt werden, um eine Verbesserung der Situation zu erreichen. Dies ist auch deshalb notwendig, weil die volatilen Witterungsverläufe im Klimawandel zu einer sich veränderten Ausbeute bei Saatgut führen.
6.2 Umwandlung von Ackerland in dauerhaft zu erhaltendes Grünland insbesondere auf erosionsgefährdeten Standorden oder Überschwemmungsbereichen
Die Umwandlung bedeutet in der Regel einen geringeren Ertrag. Dies führt zu einer niedrigeren Bewertung der Böden. Betriebe von bereits von der Bank beliehener Flächen können so zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten kommen. Hier ist eine Kompensation vorzusehen.
Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass auf einer geringer zur Verfügung stehenden Kulturfläche auch weniger benötigte Pflanzen produziert werden können. Dies wird zur Folge haben, dass die benötigten Forstgehölze zur Erstaufforstung nicht zur Verfügung stehen werden ebenso wenig wie Stadtbäume sowie für die Biodiversität benötigte Landschaftsgehölze sowie Obstgehölze
6.6 Finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung von Geräten zu konservierenden Bodenbearbeitung
Für die Sonderkulturen sind häufig moderne Herbizid-vermeidende Maschinen und Verfahren nicht zielgenau genug. Mechanische Unkrautbekämpfung via Robotik ist bisher auf Feldfrüchte fokussiert. Es besteht nach wie vor hoher Entwicklungsbedarf in der Landmaschinenindustrie für Sonderkulturen. In Baumschulen werden teils sehr unterschiedliche Pflanzen kultiviert, die spezifische Wuchseigenschaften und einen individuellen Habitus haben. Auch sind die Stämme der Pflanzen empfindlich, was bisher vielfach den Einsatz vorhandener Maschinen, die dem Ackerbau entlehnt sind, schwierig bis unmöglich macht. Eine Förderkulisse muss dies im Blick haben.
7 Natürlicher Klimaschutz auf Siedlungs- und Verkehrsflächen
Die deutschen Baumschulen im Bund deutscher Baumschulen (BdB) haben gemeinsam mit der Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) ein Booklet herausgegeben, in dem 65 Stadtbäume der Zukunft mit ihren Wuchseigenschaften und Standortbedingungen präsentiert werden. Diese Liste ist seit drei Jahren ein wichtiges Werkzeug, um Planern und kommunalen Entscheidern eine Orientierung zu geben, welche Gehölze im Stadtraum des Klimawandels verwendet werden können. Fachwissen in Bezug auf die Vegetation ist in den letzten Jahren bei professionellen Pflanzenverwendern verloren gegangen.
Die Weiterentwicklung der grünen Infrastruktur in den urbanen Räumen wird vor dem Hintergrund des Wissensdefizits, aber auch wegen der komplexen Herausforderung in Bezug auf die Pflege/ Instandhaltung der Vegetation wesentlich davon abhängen, dass sich die verschiedenen Akteure vernetzen. Graue und grüne Infrastruktur müssen gemeinsam gedacht werden. Dies bedeutet eine intensive Vernetzung und ein Wissensaustausch zwischen allen beteiligten Akteuren vom Planer bis zum Produzenten der Gehölze. Hierzu bedarf es einer Wissens- und Informationsoffensive von Bund, Kommunen und Verbänden.
7.2 Pflanzung von 150.000 zusätzlichen Stadtbäumen bis 2030
Die anvisierte Zahl von 150.000 zusätzlichen Bäumen bis 2030 ist zu gering bemessen. Das wachsende Defizit der letzten Jahrzehnte in Bezug auf den Baumbestand in den Städten hat große Lücken in der grünen Infrastruktur (insbesondere beim Biotopverbund über Straßenbäume) gerissen. Das Programm sollte daher im Volumen stark erhöht werden.
In diesem Zusammenhang empfehlen wir die Pflanzung größerer Bäume, da sie die ihnen zugedachte Ökosystemleistung am Verwendungsstandort rascher erfüllen können als klein gepflanzte Bäume und Sträucher. Die oft von Kommunen vorgebrachte Entgegnung, diese seien im Anwachsen schwerer zu händeln, ist bei fachlich einwandfreier Pflege nicht nachzuvollziehen. Wahr ist aber, dass jeder neu gepflanzte Baum angemessene Pflege benötigt; insbesondere durch Wässern.
9 Forschung und Kompetenzaufbau
9.1 Vertiefte Forschung zum natürlichen Klimaschutz
Zum Klimawandel gehört auch ein vermehrtes Auftreten von Krankheiten und Schädlingen, sowie sich veränderte Standortbedingungen für die Vegetation insbesondere, für Gehölze. Gerade in Bezug auf die Verwendung von Pflanzen im urbanen Raum besteht immenser Forschungsbedarf. Fragen der Resilienz, der Pflege und der Bodenverbesserung sind ebenso dringend zu beantworten wie die zukunftsgerichtete Fortentwicklung der Pflanzenproduktion. Bereits der zeitliche Horizont von Forschungsförderungen ist regelmäßig zu kurz bemessen, um nachhaltig an Gehölzen zu forschen. Zur Sicherstellung einer kontinuierlichen Forschung auf diesem Gebiet ist ein Stiftungslehrstuhl des Bundes zur Gehölzforschung dringend erforderlich. Die Einrichtung eines solchen Lehrstuhls / Instituts ist besonders wichtig, da die Baumschulforschung resp. die gartenbauliche Forschung in den letzten Jahren in Deutschland immer stärker eingeschränkt wurde. Zahlreiche Lehrstühle in diesem Bereich sind bereits verloren. Angesichts des Klimawandels eine nicht nachvollziehbare Entwicklung.