Serie Pflanzenschutz, 2. Teil

Übersicht über die Anträge zur Lückenschließung.

Pflanzenschutz – Aktuelle Situation

In der vorigen Ausgabe wurde ein allgemeiner Überblick zum Pflanzenschutz gegeben. In dieser Ausgabe wird die aktuelle Zulassungssituation vorgestellt:

Pflanzenschutzverfahren:

Für den Pflanzenschutz in Baumschulen stehen mechanische, thermische, biologische und chemische Verfahren zur Verfügung. Der Baumschuler bedient sich aus diesem "Werkzeugkoffer" unterschiedlicher Verfahren. Wichtig ist, dass jede Schublade des "Werkzeugkoffers" ausreichend gefüllt ist, um immer im Sinne des integrierten Pflanzenschutzes das geeignete Verfahren zu wählen. Entscheidungskriterien für die Auswahl sind u. a. die Kosten, die Wirksamkeit und das Resistenzmanagement. In diesem Entscheidungsprozess spielt die Kulturführung eine entscheidende Rolle.

Anzahl der Wirkstoffe und Pflanzenschutzmittel:

Gab es im Jahr 2000 europaweit noch etwa 840 Wirkstoffe, stehen derzeit nur noch 240 Wirkstoffe zur Verfügung. Die Verfügbarkeit der verbliebenen Wirkstoffe wird durch zusätzliche Einschränkungen reduziert:

  • Vergleichbare Wirkstoffe (Substitutionskandidaten) sollen nur eingeschränkt genehmigt werden. Derzeit gibt es 77 Substitutionskandidaten.
  • Neonikotinoide sollen komplett verboten werden.
  • Hormonell aktive Substanzen sollen ebenso verboten werden.

Diese Wirkstoffe werden auf europäischer Ebene zugelassen, die Pflanzenschutzmittel auf nationaler Ebene. Auf Grund immer höherer Auflagen und restriktiverer Anwendungsbestimmungen stehen die in Deutschland genehmigten Pflanzenschutzmittel für den Einsatz in Baumschulkulturen immer weniger zur Verfügung. Die noch für den Einsatz in Baumschulkulturen verfügbaren Pflanzenschutzmittel werden zudem immer teurer.

Pflanzenschutzmittel herstellende Industrie:

Von der Pflanzenschutzmittel herstellenden Industrie werden vorzugsweise Wirkstoffe für Großkulturen hergestellt und zugelassen. Klein- und Kleinstkulturen, wozu auch die Baumschulen gehören, werden in diesem Verfahren nicht berücksichtigt. Immer häufiger werden Pflanzenschutzmittel in Kombination mit Saatgut entwickelt. Biologische Pflanzenschutzmittel (sogenannte biologicals) und low-risk-Wirkstoffe werden von der Industrie schon getestet, die Wirksamkeit ist allerdings noch deutlich zu gering.

Europäische Zulassungssituation:

Ziel des europäischen Pflanzenschutzrechts ist neben dem Umwelt- und Gewässerschutz die Zulassungsharmonisierung. Die in einem Land erteilte Genehmigung für ein Pflanzenschutzmittel soll in einem weiteren Land einfachst übertragen werden können.
Diese länderübergreifende gegenseitige Genehmigung funktioniert nicht. Dies hat zwei Gründe: Zum einen gibt es in den einzelnen EU-Mitgliedsländern unterschiedliche Kulturbäume, Anwendungsgebiete, Bewertungskriterien, Datenbanken und vieles mehr. Zum anderen entsteht der Eindruck, dass es auch bei deutschen Behörden Probleme gibt: Zwei in der TASPO veröffentlichte Urteile zum Verfahren der länderübergreifenden Anerkennung geben hierauf einen Hinweis: für ein in Großbritannien zugelassenes Pflanzenschutzmittel ist die Anerkennung in Deutschland beantragt worden. Nach langer Untätigkeit der deutschen Zulassungsbehörde BVL ist gegen das BVL eine Untätigkeitsklage eingereicht und bestätigt worden, woraufhin das BVL den Antrag abgelehnt hat. Nach einer erneuten Klage gegen das BVL wurde entschieden, dass in der EU das Prinzip auf gegenseitiges Vertrauen gilt. Rechtliche Entscheidungen eines EU-Mitgliedslandes müssten akzeptiert werden, es sei denn, es könnten Rechtsverletzungen nachgewiesen werden.

Zulassungsstau in Deutschland:

Für die Genehmigungssituation in Lückenindikationen (Klein- und Kleinstkulturen) bildet sich ein Zulassungsstau: Anfang 2015 sind knapp 600 Anträge in Bearbeitung gewesen, Ende August sind es bereits 1.114 Anträge, die noch nicht bearbeitet worden sind. Dies zeigt zum einen die Überforderung des BVL als Zulassungsbehörde. Zum anderen sind in Deutschland drei Ministerien und fünf Zulassungs- und Einvernehmensbehörden im Pflanzenschutzmittelgenehmigungsverfahren eingebunden. Solange diese Verflechtung unterschiedlicher Interessen nicht aufgelöst wird, wird sich die katastrophale Zulassungssituation nicht verbessern.

Anforderungen von Großabnehmern:

Viele Großabnehmer von Gehölzen fordern die Gehölzlieferanten und –produzenten zu weiteren Einschränkungen beim Pflanzenschutzmitteleinsatz auf. Bisher sind diese Anforderungen fachlich nicht nachzuvollziehen und lediglich als Marketinginstrument zu sehen. Diese Einschränkungen haben erhebliche negative Auswirkungen auf die Umwelt und auf die Kulturen.
Hierfür hat der BdB für die Baumschulen ein Argumentationspapier herausgegeben.

Quarantäneschädlinge:

Durch die Globalisierung und den Klimawandel steigt die Gefahr des Auftretens von Quarantäneschädlingen. Tritt ein Quarantäneschädling, in einer Baumschule oder im Stadtpark auf, muss dieser sofort wirksam bekämpft werden können. Dies ist in der Regel nicht der Fall. Ein schnelles Eingreifen mit geeigneten Pflanzenschutzmitteln ist von Seiten der Genehmigungsbehörde nicht vorgesehen. Dies ist ein unhaltbarer Zustand.

In der nächsten Ausgabe der Grün Online wird ein Überblick der verbandlichen Aktivitäten gegeben. Diskutieren Sie gern mit dem Verfasser: Niels Sommer, Tel. 030 - 240 86 99 29 oder per Mail: sommer(at)gruen-ist-leben(dot)de.

(so)