Serie Pflanzenschutz, Teil 4

Das gesellschaftliche Umfeld

In den letzten drei Ausgaben der Grünonline haben wir die Zulassungssituation in Deutschland und für die Baumschulen vorgestellt. Weiterhin haben wir die Frage beantwortet, was der BdB in Sachen Pflanzenschutz unternimmt. In diesem letzten Artikel unseres Vierteilers zum Thema Pflanzenschutz werfen wir einen Blick auf die öffentliche Diskussion zum Thema Pflanzenschutz:

Bewertung des chemisch synthetischen Pflanzenschutzes

Auch innerhalb des BdB werden die Vor- und Nachteile des Einsatzes chemisch synthetischer Pflanzenschutzmittel kontrovers beraten. Im Sinne des integrierten Pflanzenschutzes werden die unter Mitwirkung der Baumschulberatung empfohlenen Pflanzenschutzverfahren durchgeführt, die praktikabel, wirtschaftlich sinnvoll, wirksam und umweltschonend sind. Trotz teilweise jahrzehntelanger Forschung stehen für einige Anwendungen keine nicht chemischen Verfahren für den Freilandeinsatz zur Verfügung.

Wirtschaften ohne Pflanzenschutzmittel?

Was passiert, wenn es ab morgen keine chemisch synthetischen Pflanzenschutzmittel gibt? Wird es dann noch Wein aus Deutschland geben? Oder wird das vermehrte Auftreten der Kirschessigfliege den deutschen Weinbau zum Erliegen bringen? Wird es noch gesundes Obst geben? Können die gesetzlich geforderten Auflagen an Jungpflanzen noch erfüllt werden? Wird in Deutschland noch eine wirtschaftlich tragbare Pflanzenproduktion möglich sein? Zur Beantwortung gibt es viele subjektive Meinungen aber keine wissenschaftlich tragbaren Aussagen.

Was will der mündige Bürger?

Wir alle wollen eine natürliche und gesunde Umwelt ohne schädliche Umwelteinflüsse, gern auch ohne Chemie. Im Falle eines Schadens, sei es durch das Auftreten von Quarantäneschädlingen oder des Eichenprozessionsspinners, wird allerdings sofort nach wirksamen Maßnahmen gerufen. Beim nicht kundigen Bürger liegt bei diesem Thema eine subjektive Bewertung vor.

Beispiel Glyphosate

Der reine Wirkstoff Glyphosate wird als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Glyphosate haltige Pflanzenschutzmittel, in denen der Wirkstoff in hoher Verdünnung vorliegt, gelten hingegen als unbedenklich. Glyphosate haltige Pflanzenschutzmittel sind die weltweit am besten untersuchten. Sollte Glyphosate wegfallen, stehen fast nur noch Alternativen zur Verfügung, die mit höheren Auflagen und Umweltbelastungen verbunden sind. Diese Zusammenhänge sind den Bürgern nicht bekannt. Die politisch Verantwortlichen wagen sich nicht, diese Tatsachen zu vertreten.

Baumschulen im gesellschaftlichen Spannungsfeld

In Baumschulen werden chemisch synthetische Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Diese füllen eine der Schubladen des Werkzeugkoffers der Pflanzenschutzverfahren. In Baumschulen werden allerdings schon seit Jahrzehnten auch die Verfahren aus den anderen Schubladen gleichermaßen genutzt. Innerverbandlich gibt es eine Nachhaltigkeitsdebatte, in der insbesondere nichtchemische Verfahren favorisiert werden. Diese Debatte wird auch über die Verbands- und Ländergrenzen geführt. Der mündige Bürger, der Verbraucher, wird nicht von den Vorteilen des Einsatzes chemisch synthetischer Pflanzenschutzmittel überzeugt werden. Er wird ihn allenfalls tolerieren. Der Verbraucher will Pflanzen, die ohne Chemie produziert worden sind. Auch wenn diese Art der Produktion nicht immer umweltschonender ist.
Die Baumschuler werden künftig weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen weil,

  • diese immer weniger zur Verfügung stehen,
  • diese immer teurer werden,
  • der Verbraucher diese nur unter Vorbehalt tolerieren,
  • die Forschung nach Alternativen zunimmt.

Thema Insektensterben

Der Krefelder Enthomologen-Verein hat in einer Studie dargelegt, dass, bezogen auf das Jahr 1989, ein massives Insektensterben stattgefunden hat und die Masse an Insekten um 76 Prozent zurückgegangen ist. Dies ist ein dramatischer Befund. Diese Studie mag nicht auf wissenschaftliche Basis durchgeführt worden sein. Aber es gibt nichts anderes. Und die Studie wurde in einem Naturschutzgebiet durchgeführt. Um wieviel schlechter mag es auf anderen Fällen aussehen? Wie bei den Themen Waldsterben und Klimawandel wird in den kommenden Jahren nun über das Ergebnis und die Ursachen wild hin und her diskutiert werden. Ist es der chemisch synthetische Pflanzenschutz, sind es die weiten zum Teil sterilen landwirtschaftlichen Flächen, sind es die Autoabgase, ist es der Klimawandel, sind es künstliche Lichtquellen?

Bis die Ursachen feststehen, werden zehn Jahre und mehr vergehen. Nach dem Vorsorgeprinzip wird man nicht die Ergebnisse abwarten wollen, aus Angst, dass das Insektensterben im selben Tempo weitergeht. Es werden erste – öffentlichkeitswirksame – Maßnahmen getroffen, die die Landwirtschaft und somit auch die Baumschulen betreffen werden:

  • Der Erhalt von Flächenprämien (wird aktuell beraten) wird an noch stärkere Umweltauflagen gekoppelt.
  • Neonikotinoide, Glyphosate und weitere Wirkstoffe werden in Kürze nicht mehr zur Verfügung stehen.
  • Die Gehölzproduktion wird sich noch weiter verteuern.

Dabei wurden in Baumschulen in den vergangenen Jahren verstärkt Ausgleichsflächen und Blühstreifen angelegt. Dabei sind in den vergangen 20 Jahren die wirklich gefährlichen Wirkstoffe vom Markt genommen worden.

Wie geht es weiter?

Wir können folgendes feststellen:

  1. Die gewünschte Harmonisierung des europäischen Pflanzenschutzrechts wird nicht umgesetzt. Dadurch gibt es immer noch Wettbewerbsverzerrungen zwischen den EU-Mitgliedsländern.
  2. Die am Genehmigungsverfahren beteiligten Behörden in Deutschland sind nicht in der Lage, die Genehmigungsanträge zeitnah zu bearbeiten, obwohl an der Schließung von Anwendungslücken viele Beteiligte engagiert mitarbeiten.
  3. Der Einsatz chemisch synthetischer Pflanzenschutzmittel wird gesellschaftlich nicht akzeptiert.
  4. Für einzelne Schadorganismen gibt es thermische, mechanische und/oder biologische Verfahren, die im Vergleich zu chemisch synthetischen Verfahren allerdings häufig teurer und mit geringerer Wirkung sind.
  5. Es existieren keine Studien, die den wirtschaftlichen Vergleich der unterschiedlichen Pflanzenschutzverfahren gegenüberstellen, um die Diskussion zu versachlichen.

Hieraus ergeben Sie nachfolgende Forderungen:

  1. Erhebliche Personalaufstockung bei den Genehmigungsbehörden
  2. Zuständigkeiten verschlanken
  3. Argumentationspapier seitens des BMEL als Vorlage bei den Großabnehmern
  4. Studie zur Versachlichung der Diskussion
  5. Bundesfonds zur Förderung der Offizialberatung in den Bundesländern

Diese Forderungen wurden in verschiedene Gremien eingespielt, teilweise auch in die Agrarministerkonferenz. In Teilen wurden Zugeständnisse gemacht. Zum Beispiel wurde der Abbau des Antragsstaus bis Ende 2018 zugesagt.

Wir werden die weitere Entwicklung genau verfolgen und aktiv begleiten. Der BdB wird sich auch weiterhin für die Zurverfügungstellung ausreichender Pflanzenschutzverfahren einsetzen. Der BdB wird auch weiterhin auf die inhaltlichen Missstände im deutschen und europäischen Pflanzenschutzrecht hinweisen. Der BdB wird in der öffentlichen Darstellung den chemisch synthetischen Pflanzenschutz weiter befürworten und auf die vielfältigen Pflanzenschutzverfahren, die im Werkzeugkoffer "Pflanzenschutz" für Baumschulen zur Verfügung stehen, hinweisen.

Diskutieren Sie gern mit dem Verfasser: Niels Sommer, Tel. 030 240869929 oder per Mail: sommer(at)gruen-ist-leben(dot)de.

(so)