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03.02.2016

Welche Sortimente braucht die Stadt? Symposium zur Zukunft des urbanen Grüns

Kommunale Entscheider, Baumschulgärtner und Landschaftsgärtner diskutierten am 27. Januar 2016 über das Thema „Grüne Zukunft – Neue Sortimente braucht die Stadt“. Die Fachveranstaltung mit drei Kurzvorträgen wurde veranstaltet von der Messe Essen in Kooperation mit dem Bund deutscher Baumschulen (BdB) e.V. und der Stiftung DIE GRÜNE STADT. Ziel war es, auf die Herausforderungen, die der Klimawandel an die Kommunen und die grüne Branche stellt, aufmerksam zu machen und Ansätze für Problemlösungen zu finden. „Trockene, heiße Sommer, starke Unwetter, neue Krankheiten und Schädlinge – wir wissen, dass die Belastungen für Stadtbäume groß sind und weiter zunehmen werden“, erklärte Peter Menke, Vorstand der Stiftung DIE GRÜNE STADT. „Die Frage ist, wie wir unsere Städte langfristig attraktiv begrünen.“


Peter Menke, Stiftung DIE GRÜNE STADT, Dr. Philipp Schönfeld von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, Simone Raskob, Dezernentin für Umwelt und Bauen in Essen, und Landschaftsarchitekt Andreas Kipar (v.l.n.r.), Quelle: DGS

Bäume reagieren auf das Klima

Welche Baumarten zukünftig Straßen, Plätze und Grünanlagen prägen werden, ist in Fachkreisen ein viel diskutiertes Thema. „Problematisch ist, dass bisher in der Regel nur wenige Hauptbaumarten gepflanzt sind, was die Ausbreitung von Krankheiten und Schädlingen aber auch die Anfälligkeit der Bestände unter den verschärften Klimabedingungen verstärkt. Wir brauchen mehr Diversität“, erklärte im ersten Vortrag Dr. Philipp Schönfeld von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, Abteilung Landespflege in Veitshöchheim. „Um unsere theoretischen Annahmen über die Stresstoleranz einzelner Baumarten zu überprüfen, ist es jedoch unerlässlich, ihre tatsächliche Eignung in Forschungsprojekten mit der Realität abzugleichen.“ Schönfeld engagiert sich gemeinsam mit drei Kollegen im Projekt „Stadtgrün 2021“, das seit 2009 an drei klimatisch unterschiedlichen Stadtstandorten in Bayern zwanzig Baumarten auf ihre Klimastresstoleranz testet. 2015 wurde das Projekt um zehn weitere Baumarten erweitert. Insgesamt 650 Versuchsbäume hat das Projektteam im städtischen Raum gepflanzt und untersucht diese jährlich auf Frostschäden, Trockenstress, Schädlinge, Krankheiten, Phänologie (Austrieb, Laubverfärbung, Blattfall), Zuwachs und Nährstoffversorgung. „Das Projekt im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung mit einem Volumen von 720.000 Euro läuft noch bis 2021, viele Baumarten, die wir testen, haben sich bisher bewährt. Endgültige Empfehlungen können erst nach Abschluss des Projektes gegeben werden. Ein Patentrezept wird es allerdings nicht geben. Wir empfehlen, bei der Auswahl der Sortimente das lokale Klima zu berücksichtigen. Einige Bäume eignen sich besonders für harte Winter mit Schnee, Eis und Frost, andere für heißtrockene Sommer mit hohen Temperaturen auch in den Nächten, wie sie vor allem in Großstädten vermehrt zu erwarten sind.“

Essen – Grüne Hauptstadt Europas 2016

Im zweiten Vortrag präsentierte Simone Raskob, Dezernentin für Umwelt und Bauen in Essen, wie es in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteuren gelang, den Titel „Grüne Hauptstadt Europas 2017“ für die Ruhrmetropole zu gewinnen. Seit 2010 wird dieser Städtetitel auf Initiative der Europäischen Kommission jährlich vergeben. „Ausschlaggebend für unseren Erfolg war, dass wir uns auf die bereits vorhandenen Bemühungen, in unserer Stadt grüne Infrastruktur zu schaffen, konzentrierten. Eine Grundlage war der Umbau der Emscher.“ Die Bachzuläufe zur Emscher wurden zu großen Teilen renaturiert und mit Rad- und Fußwegen für die Bevölkerung erlebbar gemacht. Im Rahmen der Bewerbung entwickelte das Team um Raskob verschiedene Ziele für die Stadt. Einer davon ist, dass für alle Bewohner in einem Umkreis von 500 Metern vom eigenen Wohnort mindestens eine große Grünanlage erreichbar sein soll. „Dies haben wir bereits zu siebzig Prozent erreicht. Doch es gibt auch Rückschläge: 2014 fielen dem Sturm Ela in Essen über 20.000 Bäume zum Opfer. Der Schaden in unserer Stadt belief sich auf insgesamt 61 Millionen Euro“, berichtete Raskob. „Wir stehen vor der Herausforderung, Parks, Sportanlagen und Spielplätze neu zu bepflanzen und beziehen dabei die Erkenntnisse zu klimastresstoleranten Bäumen in die Auswahl der Sortimente ein.“

Grün neu denken

Für innovative Konzepte im städtischen Grün warb Andreas Kipar. Der Landschaftsarchitekt mit Büros in Duisburg, Mailand und Rom ist international tätig. „Es geht darum, für Bäume ein kulturelles und gleichzeitig ein biologisches Verständnis zu entwickeln. Grün bringt Stadtbewohnern hohe Lebensqualität. Doch das funktioniert nur, wenn die Pflanzen auch vital und lebensfähig sind.“ Für Kipar sind Bäume mehr als grüne Inseln in einer bebauten Stadt. Ihm geht es um eine grüne Infrastruktur, die sich durch den urbanen Raum zieht – mal auf kleiner, mal auf großer Fläche. „In Essen begann man mit wenigen Hauptachsen entlang der Emscher. Daraus hat sich ganz natürlich ein Wabennetz entwickelt.“ Kipar lud dazu ein, urbanes Grün neu zu denken und die Bürger und ihre Bedürfnisse dabei aktiv einzubinden. „Es gibt spektakuläre Vorzeigeprojekte, die Pflanzen und Architektur auf einmalige Weise zusammenbringen. Grün an Fassaden, auf Dächern und Brücken – solche ‚Ikonen‘ sind aufsehenerregend und schaffen ein Bewusstsein, welchen Wert urbanes Grün hat. Hier wachsen Bäume aber nur mit technischer Unterstützung. Um Natur erfahrbar zu machen, müssen wir dem Grün in der Stadt auch Raum geben, sich frei zu entfalten – ohne Belastungen von Bebauung und Straßen.“

In der anschließenden Diskussion kamen auch ergänzende Aspekte aus Reihen der etwa 120 Teilnehmer zu Wort. Betont wurde unter anderem die Notwendigkeit von abwechslungsreichem Grün mit Blütenpflanzen, das für Wildbienen und andere Insekten, aber auch insgesamt für wildlebende Tiere in Städten Lebensraum bietet. Hans-Jürgen Redeker, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung DIE GRÜNE STADT, betonte die Bedeutung starker Grünflächenämter für den Erhalt und die Weiterentwicklung des öffentlichen Grüns in Städten. Weitere Informationen sind unter www.die-gruene-stadt.de zu finden.

Quelle: DGS

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